Gesundheit · Analyse

Drogen, Sucht und Missbrauch: Wie groß die Unterschiede wirklich sind

Dass in der schwulen Szene viel konsumiert wird, ist ein verbreitetes Bild. Die Daten bestätigen einen Teil davon, widerlegen einen anderen und zeigen eine Gruppe, über die kaum gesprochen wird. Wir gehen der Reihe nach vor: wie groß die Unterschiede sind, was Chemsex ist, welche Rolle Missbrauch in der Kindheit spielt und welche Erklärungen tragen.

· 8 Min. Lesezeit · Eigene Auswertung BRFSS 2023/24 und NHIS 2022–2024 (CDC); Kerridge u. a. (2017); Schuler & Collins (2020); Medley u. a. (2016); McCabe u. a. (2009, 2010, 2020, 2022); King u. a. (2008); Marshal u. a. (2008); Sandfort u. a. (2014); Bränström & Pachankis (2018); EMIS-Netzwerk (2019); Schmidt u. a. (2016); Friedman u. a. (2011); Andersen & Blosnich (2013); Roberts u. a. (2012, 2013); Frisell u. a. (2010); Ganna u. a. (2019); Meyer u. a. (2021)

Wie groß die Unterschiede sind

Die Forschung ist sich in diesem Punkt ungewöhnlich einig. Eine frühe Metaanalyse von 25 Bevölkerungsstudien fand bei Nicht-Heterosexuellen ein 1,5- bis 4-fach erhöhtes Risiko für Alkohol- und Drogenabhängigkeit, besonders bei lesbischen und bisexuellen Frauen (King u. a. 2008). Bei Jugendlichen lag der Konsum etwa dreimal so hoch (Marshal u. a. 2008).

Wir haben die beiden großen Gesundheitsumfragen der US-Gesundheitsbehörde CDC ausgewertet: das Behavioral Risk Factor Surveillance System (BRFSS) 2023 und 2024 mit rund 518.000 Befragten und den National Health Interview Survey (NHIS) 2022 bis 2024. Die eigentlich naheliegende Drogenerhebung NSDUH war für uns nicht abrufbar, deshalb fehlen in unseren eigenen Zahlen harte Drogen; die nennen wir aus der Literatur.

Rauchen, Rauschtrinken, Cannabis

USA 2023/24, Anteil mit Konsum in den letzten 30 Tagen bzw. aktuell rauchend, in Prozent

CannabisRauschtrinkenZigaretten

Werte als Tabelle
Cannabis (%)Rauschtrinken (%)Zigaretten (%)
Heterosexuelle Männer16,819,112,6
Schwule Männer30,021,913,5
Bisexuelle Männer33,222,413,2
Heterosexuelle Frauen11,410,49,9
Lesbische Frauen31,618,112,3
Bisexuelle Frauen41,223,213,5
BRFSS 2023 und 2024, gewichtet, rund 518.000 Befragte. Rauschtrinken: Männer 5, Frauen 4 Getränke oder mehr bei einer Gelegenheit. Die Fragen zu Orientierung und Cannabis stellen nur einige Bundesstaaten; die Cannabiswerte sind deshalb nicht landesweit repräsentativ. Roh, ohne Altersbereinigung. Eigene Auswertung, Behavioral Risk Factor Surveillance System (CDC) 2023/24

Drei Muster fallen auf. Cannabis ist in allen queeren Gruppen etwa doppelt bis viermal so verbreitet. Lesbische und bisexuelle Frauen trinken und rauchen etwa so viel wie heterosexuelle Männer und kiffen deutlich mehr. Und bei schwulen und bisexuellen Männern ist Rauschtrinken kaum höher als bei heterosexuellen Männern.

Ein Einwand liegt nahe: Queere Menschen sind im Schnitt jünger, seltener verheiratet und wohnen häufiger in Städten, und all das geht mit mehr Konsum einher. Wir haben deshalb Alter, Ethnie, Bildung, Einkommen, Familienstand, Bundesstaat und Stadt/Land herausgerechnet.

Was nach Alter, Einkommen und Bildung bleibt

Bereinigte Odds Ratio gegenüber Heterosexuellen gleichen Geschlechts, 95-%-Intervall

Werte als Tabelle
Wert (OR)95-%-Intervalln
Cannabis · Schwule Männer1,571,27 – 1,95–
Cannabis · Bisexuelle Männer1,681,37 – 2,05–
Cannabis · Lesbische Frauen2,722,10 – 3,51–
Cannabis · Bisexuelle Frauen3,182,74 – 3,68–
Cannabis fast täglich · Schwule Männer1,321,01 – 1,72–
Cannabis fast täglich · Bisexuelle Männer1,531,21 – 1,94–
Cannabis fast täglich · Lesbische Frauen2,251,66 – 3,04–
Cannabis fast täglich · Bisexuelle Frauen3,022,51 – 3,62–
Rauschtrinken · Schwule Männer0,980,85 – 1,12–
Rauschtrinken · Bisexuelle Männer0,970,85 – 1,12–
Rauschtrinken · Lesbische Frauen1,291,08 – 1,54–
Rauschtrinken · Bisexuelle Frauen1,511,37 – 1,66–
starkes Trinken · Schwule Männer0,950,77 – 1,19–
starkes Trinken · Bisexuelle Männer1,230,94 – 1,61–
starkes Trinken · Lesbische Frauen1,391,16 – 1,67–
starkes Trinken · Bisexuelle Frauen1,601,39 – 1,84–
Zigaretten · Schwule Männer1,191,01 – 1,39–
Zigaretten · Bisexuelle Männer1,050,89 – 1,24–
Zigaretten · Lesbische Frauen1,491,14 – 1,95–
Zigaretten · Bisexuelle Frauen1,811,62 – 2,04–
Kontrolliert für Alter, Jahr, Ethnie, Bildung, Einkommen, Familienstand, Bundesstaat und Stadt/Land. Grau: Intervall schließt 1 ein, also kein gesicherter Unterschied. Eigene Auswertung, BRFSS 2023/24

Die Unterschiede schrumpfen dadurch kaum, meist um 5 bis 20 %. Bisexuelle Frauen haben bereinigt eine 3,2-fache, lesbische Frauen eine 2,7-fache Chance, im letzten Monat Cannabis konsumiert zu haben, schwule Männer eine 1,6-fache. Beim Rauschtrinken liegen schwule Männer mit 0,98 genau auf dem Niveau heterosexueller Männer.

Härtere Drogen und Abhängigkeit

Für Kokain, Crystal Meth, Opioide und echte Abhängigkeit stützen wir uns auf veröffentlichte Auswertungen. In der amerikanischen Drogenerhebung von 2015 hatten 39 % der LGB-Erwachsenen im letzten Jahr illegale Drogen genommen, gegenüber 17 % der Heterosexuellen. Methamphetamin: 2,3 gegenüber 0,6 %. Inhalanzien, bei Männern vor allem Poppers: 7,5 gegenüber 0,3 % (Medley u. a. 2016). Diese Zahlen sind nicht altersbereinigt. Bereinigt haben schwule Männer eine etwa doppelt so hohe Chance für andere illegale Drogen als Cannabis und für eine Drogengebrauchsstörung (Odds Ratio 1,98 bzw. 1,92), bisexuelle Frauen eine 2,4-fache Chance für den Missbrauch von Opioid-Schmerzmitteln (Schuler & Collins 2020).

Die beste Quelle für echte Diagnosen ist die NESARC-III mit rund 36.000 persönlichen Interviews nach den Kriterien des psychiatrischen Diagnosehandbuchs.

Abhängigkeit: am stärksten bei Frauen

Alkohol- und Drogengebrauchsstörung im letzten Jahr (DSM-5), bereinigte Odds Ratio gegenüber Heterosexuellen gleichen Geschlechts

Werte als Tabelle
Wert (OR)95-%-Intervalln
Alkohol · Schwule Männer1,31,0 – 1,8–
Drogen · Schwule Männer1,10,6 – 1,9–
Alkohol · Lesbische Frauen2,21,7 – 2,9–
Drogen · Lesbische Frauen2,31,2 – 4,3–
Alkohol · Bisexuelle Frauen2,11,5 – 2,9–
Drogen · Bisexuelle Frauen2,31,4 – 3,7–
NESARC-III 2012/13, rund 36.000 persönliche Diagnose-Interviews. Über alle Erwachsenen: Drogengebrauchsstörung 3,7 % (heterosexuell), 7,4 % (schwul/lesbisch), 11,0 % (bisexuell). Kerridge u. a. (2017), Drug and Alcohol Dependence

Auch hier ist das Bild eindeutig: Bei Frauen ist die Lücke groß, bei schwulen Männern klein. Eine Alkoholabhängigkeit ist bei ihnen nur leicht häufiger (Odds Ratio 1,3), eine Drogengebrauchsstörung nicht gesichert. Bei Bisexuellen insgesamt hatten 11 % im letzten Jahr eine Drogengebrauchsstörung, bei Heterosexuellen 3,7 % (Kerridge u. a. 2017).

Eng damit verbunden ist die psychische Gesundheit. In unserer Auswertung wurde bei 59 % der bisexuellen Frauen schon einmal eine Depression diagnostiziert.

Depression als ständiger Begleiter

USA 2023/24, Anteil, bei dem je eine Depression diagnostiziert wurde, in Prozent

Depression je diagnostiziert

Werte als Tabelle
Depression je diagnostiziert (%)
Heterosexuelle Männer13,9
Schwule Männer33,4
Bisexuelle Männer37,1
Heterosexuelle Frauen24,2
Lesbische Frauen41,5
Bisexuelle Frauen58,9
Bereinigte Odds Ratios: schwule Männer 2,7, bisexuelle Männer 3,0, lesbische Frauen 1,9, bisexuelle Frauen 3,6. Eigene Auswertung, BRFSS 2023/24

Chemsex

Ein Bereich ist fast ausschließlich bei Männern zu finden, die Sex mit Männern haben: Chemsex, der gezielte Konsum von Drogen, um Sex zu erleichtern, zu intensivieren oder zu verlängern. Typisch sind Crystal Meth, Mephedron, GHB/GBL und Ketamin, meist bei privaten Treffen, die über Apps verabredet werden.

In der größten europäischen Online-Befragung mit rund 127.000 Männern berichteten 5,2 %, in den letzten vier Wochen Chemsex gehabt zu haben, 10,4 % im letzten Jahr und 15,2 % jemals. Poppers hatten 21 % in den letzten vier Wochen genommen (EMIS-Netzwerk 2019). 72 % der letzten Gruppentreffen fanden in Privatwohnungen statt. Der stärkste Einflussfaktor ist der Wohnort.

Chemsex ist eine Großstadtsache

Männer, die Sex mit Männern haben: Konsum von GHB/GBL, Ketamin, Crystal Meth oder Mephedron in den letzten 4 Wochen, in Prozent

4 Wochen

Werte als Tabelle
4 Wochen (%)
Brighton16,3
Manchester15,5
London13,2
Amsterdam11,2
Barcelona7,9
Zürich7,0
Berlin5,3
Sofia0,4
EMIS 2010, Online-Befragung, Gelegenheitsstichprobe. Europaweit 2017: Chemsex in den letzten 4 Wochen 5,2 %, im letzten Jahr 10,4 %; Poppers in den letzten 4 Wochen 21,2 %. Schmidt u. a. (2016); EMIS-Netzwerk (2019)

Berlin lag 2010 im europäischen Mittelfeld. Für Deutschland gibt es nur Gelegenheitsstichproben: In einer Online-Umfrage hatte gut ein Viertel der Teilnehmer im letzten Jahr Chemsex-Substanzen beim Sex genommen, die Hälfte davon berichtete Kontrollverlust bei Zeit, Geld oder Dosis (Bohn u. a. 2020). Diese Zahl ist nicht repräsentativ.

Die Folgen sind messbar. Chemsex mit mehreren Partnern geht in Großbritannien mit einer zwei- bis vierfachen Chance für Syphilis, Gonorrhö und Chlamydien einher (MacGregor u. a. 2021). In London waren zwischen 2011 und 2015 61 Todesfälle mit GHB verbunden (Hockenhull u. a. 2017). Wie viele Menschen insgesamt an Chemsex sterben, weiß niemand, weil Totenscheine weder Orientierung noch Umstände erfassen.

Missbrauch in der Kindheit

Ein Befund, der selten offen angesprochen wird: Schwule, lesbische und bisexuelle Erwachsene berichten zwei- bis viermal so häufig, in der Kindheit sexuell missbraucht worden zu sein. Über Schulstudien hinweg lag das Verhältnis bei 3,8 (Friedman u. a. 2011).

Sexueller Missbrauch in der Kindheit

USA, Anteil Erwachsener, die von sexuellem Missbrauch in der Kindheit berichten, in Prozent

heterosexuellschwul bzw. lesbischbisexuell

Werte als Tabelle
heterosexuell (%)schwul bzw. lesbisch (%)bisexuell (%)
Männer5,015,921,9
Frauen14,828,235,1
NESARC-III. „Heterosexuell“ heißt hier: ohne jede gleichgeschlechtliche Anziehung oder Erfahrung. Relativ ist der Abstand bei Männern am größten (etwa dreimal so häufig). McCabe u. a. (2022), Child Abuse & Neglect

Auch körperlicher und seelischer Missbrauch sowie Sucht im Elternhaus sind häufiger (Andersen & Blosnich 2013). Unsere Auswertung bestätigt das für Alkohol- und Drogenprobleme im Elternhaus.

Aufgewachsen mit Sucht im Haushalt

Bereinigte Odds Ratio gegenüber Heterosexuellen gleichen Geschlechts, 95-%-Intervall

Werte als Tabelle
Wert (OR)95-%-Intervalln
Alkoholproblem · Schwule Männer1,861,39 – 2,50–
Alkoholproblem · Bisexuelle Männer1,451,05 – 1,99–
Alkoholproblem · Lesbische Frauen1,741,20 – 2,52–
Alkoholproblem · Bisexuelle Frauen2,131,73 – 2,63–
Drogenkonsum · Schwule Männer1,150,79 – 1,68–
Drogenkonsum · Bisexuelle Männer2,001,43 – 2,81–
Drogenkonsum · Lesbische Frauen1,060,61 – 1,83–
Drogenkonsum · Bisexuelle Frauen1,631,29 – 2,07–
Modul zu belastenden Kindheitserfahrungen, nur in 8 bis 10 Bundesstaaten erhoben. Eigene Auswertung, BRFSS 2023/24

Für die Suchtfrage ist das wichtig, denn belastende Kindheitserfahrungen sind einer der stärksten Risikofaktoren für spätere Sucht. In der NESARC-III verschwindet bei Männern der Abstand zu eindeutig heterosexuellen Männern weitgehend, wenn man diese Belastungen berücksichtigt; bei Frauen bleibt er bestehen (McCabe u. a. 2020).

Warum ist Missbrauch häufiger? Zwei Erklärungen stehen sich gegenüber.

  • Auffällige Kinder werden zu Opfern. Kinder mit stark geschlechtsuntypischem Verhalten, die später überdurchschnittlich oft homosexuell werden, erleben mehr körperlichen, seelischen und sexuellen Missbrauch, unabhängig von ihrer späteren Orientierung (Roberts u. a. 2012). Diese Erklärung ist gut gestützt.
  • Missbrauch prägt die Orientierung. Eine Studie hat versucht, das mit einem statistischen Verfahren für Ursachenschätzung zu zeigen, und kam auf einen Effekt von +0,7 Prozentpunkten bei der LGB-Identität (Roberts u. a. 2013). Gemessen an einem LGB-Anteil von 1,5 bis 2 % in diesen Daten wäre das nicht wenig. Die Schätzung hängt aber an Hilfsgrößen wie elterlicher Sucht und psychischer Krankheit, die selbst erblich sind und schon für sich mit der Orientierung zusammenhängen. Belastbar ist sie deshalb nicht.

Eine dritte Möglichkeit ist, dass beides gemeinsame Wurzeln in Familie und Anlage hat: In australischen Zwillingsdaten sagten Missbrauch und ein belastetes Elternhaus sowohl die Orientierung als auch Depression vorher (Zietsch u. a. 2012).

Was die Unterschiede erklärt

Die vorherrschende Erklärung ist Minderheitenstress: Ablehnung, Diskriminierung, Verheimlichen und verinnerlichte Abwertung erzeugen Stress, der sich in Sucht und psychischen Problemen niederschlägt (Meyer 2003). Dafür gibt es Belege. LGB, die drei Formen von Diskriminierung erlebt hatten, hatten ein fast viermal so hohes Suchtrisiko wie LGB ohne solche Erfahrung (McCabe u. a. 2010). In US-Bundesstaaten, die 2004/05 die gleichgeschlechtliche Ehe per Verfassung verboten, stieg die Alkoholabhängigkeit unter LGB um 42 %, in anderen Staaten nicht (Hatzenbuehler u. a. 2010, kleine Stichprobe).

Mehrere Befunde passen aber schlecht dazu.

Auch in toleranten Ländern

Land, StudieBefund
Niederlande, NEMESIS-2 (2007–09)Männer: keine gesicherte Lücke bei Suchtstörungen (12 Monate 11,7 % gegenüber 7,6 %, n. s.). Frauen: Alkoholabhängigkeit 9,4 % gegenüber 0,3 %, Drogenabhängigkeit 10,7 % gegenüber 0,5 % (sehr kleine Gruppen)
Niederlande, 1996 → 2009keine signifikante Veränderung der Unterschiede trotz wachsender Akzeptanz
Schweden, Gesundheitsumfrage 2008–15Cannabis: bisexuelle Frauen OR 3,4, schwul/lesbisch 1,9; Rauchen: schwule Männer 2,3, lesbische Frauen kein Unterschied
England, 2013–19Rauchen: Schwule und Lesben haben zu Heterosexuellen aufgeschlossen, Bisexuelle nicht (OR 1,4 bzw. 1,6)
USA, Kohorten (Meyer u. a. 2021)die jüngste Generation (geboren 1990–97) ist psychisch nicht gesünder als ältere
Sandfort u. a. (2014); Bränström & Pachankis (2018); Jackson u. a. (2021); Meyer u. a. (2021)
  • Tolerante Länder: In den Niederlanden und Schweden, zwei der tolerantesten Länder der Welt, bestehen die Unterschiede fort, bei Frauen sogar sehr groß. In den Niederlanden hat sich zwischen 1996 und 2009 nichts verändert.
  • Keine Annäherung: Die Akzeptanz ist seit den 1990ern stark gestiegen, die Unterschiede sind in den USA und Kanada gleich geblieben oder gewachsen. Die jüngste Generation queerer Amerikaner ist psychisch nicht gesünder als ältere (Meyer u. a. 2021).
  • Die falsche Rangfolge: Schwule Männer waren historisch am stärksten verfolgt, haben aber die kleinsten Suchtunterschiede. Bisexuelle Frauen haben die größten.
  • Familie und Anlage: In schwedischen Zwillingsdaten wurde das erhöhte Risiko für Alkoholabhängigkeit und psychische Probleme kleiner oder verschwand, wenn man Zwillinge miteinander verglich, also Familie und Gene konstant hielt (Frisell u. a. 2010). Die große Genstudie zur Orientierung fand genetische Überlappungen von gleichgeschlechtlichem Verhalten mit Rauchen, Cannabiskonsum, Risikobereitschaft und Offenheit für neue Erfahrungen (Ganna u. a. 2019).
  • Die Szene: Poppers, GHB und Crystal Meth sind auf schwule Sexualpraktiken und Netzwerke zugeschnitten, und Chemsex hängt stärker an der Stadt als an der Person. Normen und Verfügbarkeit in der Szene sind ein eigener Faktor.

Am besten passt ein Bild aus mehreren Ursachen: häufiger belastende Kindheitserfahrungen, Minderheitenstress, Normen und Verfügbarkeit in der Szene und eine gemeinsame Anlage zu Risikobereitschaft und Offenheit. Wie viel jede davon beiträgt, weiß niemand.

Was belegt ist und was nicht

Was belegt ist und was nicht

AussageBelegstärkeBegründung
LGB konsumieren mehr Drogen und sind häufiger abhängighochMetaanalysen, große Bevölkerungsumfragen in USA, NL, SE, UK; eigene Auswertung
Am stärksten betroffen sind bisexuelle Frauenhochin fast allen Datensätzen; Cannabis OR rund 3
Schwule Männer trinken nicht mehrmittel bis hochRauschtrinken nicht erhöht; Abhängigkeit leicht erhöht (OR 1,3)
Chemsex ist unter MSM verbreitetmittel5 % im Monat, 10 % im Jahr; stark ortsgebunden, Gelegenheitsstichproben
Missbrauch in der Kindheit ist 2- bis 4-mal häufigerhochMetaanalyse, mehrere Bevölkerungsumfragen
Missbrauch prägt die Orientierunggering, umstrittennur eine Schätzung mit fragwürdigen Instrumenten (+0,7 Punkte LGB-Identität)
Minderheitenstress erklärt die LücketeilweiseDosis-Wirkung mit Diskriminierung; aber Lücke bleibt in toleranten Ländern und über Jahrzehnte
Gemeinsame Anlage (Risikobereitschaft, Familie)mittelZwillingsvergleich verringert die Lücke; genetische Überlappung mit Rauchen und Cannabis
Eigene Einordnung nach Studiendesign, Stichprobe und Wiederholung

Für Deutschland fehlen repräsentative Daten fast vollständig. Das Robert Koch-Institut musste in seiner Übersicht zur Gesundheit queerer Menschen für den Substanzkonsum auf amerikanische und niederländische Studien zurückgreifen (Pöge u. a. 2020).

Die Studien stehen mit Prüfstatus im Quellenverzeichnis.

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