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Entsteht Homosexualität im Mutterleib? Die Epigenetik-These im Faktencheck

Die Frage nach der Ursache der Homosexualität wird oft als Streit zwischen „Genen“ und „Erziehung“ geführt. Die Epigenetik-These verspricht einen dritten Weg. Sie erklärt, warum die Neigung angeboren wirkt, ohne an einem Gen zu hängen, das die Evolution längst hätte aussortieren müssen. Wir prüfen sie Baustein für Baustein.

· 11 Min. Lesezeit · Rice, Friberg & Gavrilets (2012); Ngun & Vilain (2015); Bocklandt u. a. (2006, 2011); Blanchard (2018); Bogaert u. a. (2018); Ablaza u. a. (2022); Hines (2011); Meyer-Bahlburg u. a. (2008); Dörner u. a. (1983); Bailey & Pillard (1991); Långström u. a. (2010); Ganna u. a. (2019); Zietsch u. a. (2021); Song & Zhang (2023, 2024); Wang & Kosinski (2018); Leuner (2019); Cox u. a. (2016); Herek u. a. (2010); Gallup (2025)

Die These

Die Überlegung hat drei Schritte. Erstens: Wäre Homosexualität rein genetisch, hätte die Evolution sie aussortieren müssen, denn Homosexuelle haben kaum Kinder. Zweitens: Eine bloße Prägung durch Erziehung oder Umfeld passt nicht dazu, dass die meisten Homosexuellen ihre Neigung als nicht gewählt erleben und dass Algorithmen sie angeblich aus Gesichtern ablesen können. Drittens: Epigenetik würde beides verbinden. Umwelteinflüsse in der Schwangerschaft wie Stress, Krankheit oder Drogen könnten über chemische Markierungen am Erbgut steuern, welche Gene im Fötus an- oder abgeschaltet werden. Die Neigung wäre dann angeboren, aber nicht vererbt.

Wir prüfen jeden Schritt einzeln: Was ist über Epigenetik bekannt, was über andere vorgeburtliche Einflüsse, was über die Gene, und tragen die Argumente mit dem Aussterben und den Gesichtern?

Was die Epigenetik bisher zeigt

Die Idee stammt nicht von Laien. 2012 haben der Evolutionsbiologe William Rice und Kollegen ein ausgearbeitetes Modell vorgelegt (Rice, Friberg & Gavrilets 2012). Danach setzt jede Schwangerschaft geschlechtsspezifische Markierungen, die einen weiblichen Fötus vor männlichen Hormonen abschirmen und einen männlichen dafür empfänglich machen. Normalerweise werden diese Markierungen zwischen den Generationen gelöscht. Rutscht gelegentlich eine Markierung der Mutter auf den Sohn oder des Vaters auf die Tochter durch, könnte das die Partnerwahl verändern, ohne Körper oder Geschlechtsidentität zu berühren.

Zwei Punkte sind wichtig. Das Modell ist nie direkt getestet worden. Und es beschreibt gerade keine Reaktion auf Stress, Krankheit oder Drogen: Die Markierungen entstehen in jeder normalen Schwangerschaft, ob sie überdauern, ist Zufall.

Gemessen hat man bisher wenig. 2015 stellte eine Forschergruppe in Los Angeles auf einem Kongress eine Studie an 37 eineiigen Zwillingspaaren vor, bei denen ein Zwilling schwul und einer heterosexuell war. Anhand von fünf Methylierungsstellen im Speichel sollen sie die Orientierung in 67 % der Fälle richtig vorhergesagt haben (Ngun & Vilain 2015). Statistiker kritisierten, dass die Modelle so lange an derselben kleinen Stichprobe angepasst wurden, bis sie passten; mit allen 6.134 zunächst auffälligen Stellen lag die Trefferquote bei 44 %, also unter Zufall. Eine begutachtete Veröffentlichung haben wir nicht gefunden. Eine frühere Auswertung derselben Gruppe an 34 Zwillingspaaren fand ausdrücklich „keine signifikanten Ergebnisse für die sexuelle Orientierung“ (Bocklandt u. a. 2011). Ein epigenetischer Hinweis anderer Art: Bei Müttern schwuler Söhne war ein X-Chromosom häufiger extrem einseitig abgeschaltet (13 % gegenüber 4 % bei Kontrollfrauen; Bocklandt u. a. 2006). Das ist eine Einzelstudie.

Eine große, wiederholte epigenomweite Studie gibt es bis heute nicht. Das ist eine Forschungslücke, kein Gegenbeweis.

Was im Mutterleib nachweislich wirkt

Dass die Schwangerschaft eine Rolle spielt, ist dagegen gut belegt, nur auf anderen Wegen.

Ältere Brüder. Der robusteste nichtgenetische Befund der ganzen Forschung: Männer mit älteren leiblichen Brüdern sind häufiger schwul. Über 26 Studien mit fast 20.000 Männern liegt die Odds Ratio bei 1,47 (Blanchard 2018), je älterem Bruder steigt die Chance um rund ein Drittel. Nach einer Schätzung verdankt etwa jeder siebte schwule Mann seine Orientierung diesem Effekt (Cantor u. a. 2002). Entscheidend: Nur leibliche ältere Brüder zählen. Stief- oder Adoptivbrüder, mit denen man aufwächst, haben keinen Effekt (Bogaert 2006). Ein niederländisches Register mit über 9 Millionen Menschen bestätigt den Effekt, überraschend auch für Frauen (Ablaza u. a. 2022). Als Ursache gilt eine Immunreaktion: Mütter schwuler Söhne hatten in einer Studie mehr Antikörper gegen das Y-chromosomale Eiweiß NLGN4Y, das für die Entwicklung des männlichen Gehirns wichtig ist (Bogaert u. a. 2018, 54 Mütter, nicht wiederholt).

Hier reagiert also tatsächlich der Körper der Mutter, und zwar mit jeder weiteren Schwangerschaft mit einem Sohn stärker. Das ist allerdings weder Epigenetik noch eine Reaktion auf Stress oder Drogen.

Hormone. Frauen mit angeborenem Adrenogenitalem Syndrom (CAH) sind im Mutterleib erhöhten männlichen Hormonen ausgesetzt. Sie sind deutlich häufiger nicht heterosexuell, und zwar umso häufiger, je schwerer die Form ist.

Mehr Androgene im Mutterleib, häufiger nicht heterosexuell

Frauen mit angeborenem Adrenogenitalem Syndrom (CAH) nach Schwere: Anteil nicht (fast) ausschließlich heterosexuell, in Prozent

nicht (fast) ausschließlich heterosexuell

Werte als Tabelle
nicht (fast) ausschließlich heterosexuell (%)
schwerste Form (Salzverlust)41,0
einfach virilisierend29,0
nicht klassisch (mild)24,0
Kontrollgruppe5,0
38, 21, 79 und 24 Frauen. Je stärker die vorgeburtliche Androgenwirkung, desto häufiger; die Mehrheit bleibt trotzdem heterosexuell. Meyer-Bahlburg u. a. (2008), nach Hines (2011)

Auch Fingerlängen und Innenohr-Messungen sind bei lesbischen Frauen im Schnitt etwas männlicher. Bei schwulen Männern finden sich solche Hormonspuren kaum: Beim Fingerlängenverhältnis gibt es keinen Unterschied zu heterosexuellen Männern (Grimbos u. a. 2010).

Stress, Medikamente, Drogen. Das ist der Teil, auf den die These zielt, und er ist am schwächsten belegt. Der Ostberliner Endokrinologe Günter Dörner berichtete 1983, dass 68 % der homosexuellen Männer von Kriegs- und Stressereignissen während der Schwangerschaft ihrer Mutter wussten, aber nur 6 % der heterosexuellen. Das beruhte auf der Erinnerung der Söhne. Spätere Studien, die die Mütter selbst befragten, fanden bei Männern meist keinen Effekt (Bailey u. a. 1991), eine große Erhebung nur einen kleinen (Ellis & Cole-Harding 2001). Das synthetische Östrogen DES, das Millionen Schwangere bekamen, veränderte die Orientierung von Männern nicht: 13 % der exponierten und 13 % der nicht exponierten Männer waren nicht heterosexuell (Hines 2011). Zu Infektionen in der Schwangerschaft haben wir keine belastbare Studie gefunden.

Was in der Schwangerschaft untersucht wurde

FaktorBefundBelegstärke
Ältere Brüder (Immunreaktion der Mutter?)Odds Ratio 1,47 über 26 Studien; je älterem Bruder rund +33 %; nur leibliche Brüder zählenhoch
Antikörper der Mutter gegen NLGN4Yhöhere Spiegel bei Müttern schwuler Söhne (54 Mütter)gering, nicht repliziert
Androgene (CAH, Fingerlängen, Innenohr)bei Frauen konsistent maskulinisiert; bei Männern kaum Unterschiedemittel (Frauen), gering (Männer)
Stress der MutterDörner 1983: 68 % gegenüber 6 % (Erinnerung der Söhne); spätere Studien meist ohne Effektgering, umstritten
DES (künstliches Östrogen)Männer: 13 % gegenüber 13 %; Frauen: kleine Studien ja, große Kohorte neingering
Medikamente, Nikotin, DiätpillenEinzelbefunde bei Töchtern, Erinnerung der Müttergering
Infektionenkeine belastbare Studie gefundenLücke
Epigenetische Marker (Methylierung)eine Auswertung ohne Ergebnis (34 Zwillingspaare), eine unveröffentlichte und umstrittene mit 67 % Treffernsehr gering
Blanchard (2018); Bogaert u. a. (2018); Hines (2011); Dörner u. a. (1983); Bocklandt u. a. (2011); Ngun & Vilain (2015)

Was die Gene sagen

Homosexualität häuft sich in Familien. In frühen Zwillingsstudien waren bei eineiigen Zwillingen deutlich häufiger beide schwul als bei zweieiigen und Adoptivbrüdern.

Je enger verwandt, desto häufiger beide homosexuell

Konkordanz: Anteil der Paare, in denen auch der Bruder bzw. die Schwester homo- oder bisexuell ist, in Prozent

MännerFrauen

Werte als Tabelle
Männer (%)Frauen (%)
eineiige Zwillinge52,048,0
zweieiige Zwillinge22,016,0
Adoptivgeschwister11,06,0
Über Homosexuellen-Zeitschriften angeworbene Stichproben (56/54/57 Männer-, 71/37/35 Frauenpaare); das treibt die Konkordanzen nach oben. Bevölkerungsbezogene Register finden deutlich niedrigere Werte; Rice u. a. nennen für eineiige Zwillinge rund 20 %. Bailey & Pillard (1991); Bailey u. a. (1993)

Weil diese Studien ihre Teilnehmer über Zeitschriften für Homosexuelle anwarben, sind die Werte zu hoch. Bevölkerungsregister geben ein nüchterneres Bild. Im schwedischen Zwillingsregister erklären Gene bei Männern 34 bis 39 % der Unterschiede, bei Frauen 18 bis 19 % (Långström u. a. 2010).

Gene erklären etwa ein Drittel, der Rest ist nicht geteilt

Schwedisches Zwillingsregister: Anteil der Unterschiede in der sexuellen Orientierung, der auf Gene, geteilte und individuelle Umwelt entfällt, in Prozent

Genegeteilte Umwelt (Familie, gemeinsamer Mutterleib)individuelle Umwelt, Zufall, Messfehler

Werte als Tabelle
Gene (%)geteilte Umwelt (Familie, gemeinsamer Mutterleib) (%)individuelle Umwelt, Zufall, Messfehler (%)
Männer36,00,064,0
Frauen18,016,065,0
3.826 Zwillingspaare; Mittelwerte zweier Maße (gleichgeschlechtliche Partner jemals bzw. Zahl der Partner). Breite Unsicherheitsintervalle. Långström u. a. (2010), Archives of Sexual Behavior

Ein Detail dieser Zahlen ist für die Schwangerschafts-These wichtig: Die geteilte Umwelt ist bei Männern null. Dazu gehört alles, was zwei Zwillinge gemeinsam erleben, auch der gemeinsame Mutterleib. Wenn mütterlicher Stress, Drogen oder Infektionen eine Hauptursache wären, müssten sie beide Föten treffen und hier sichtbar werden. Sie werden es nicht. Bei Frauen liegt die geteilte Umwelt bei 16 bis 17 %.

Den größten Anteil hat bei beiden Geschlechtern die individuelle Umwelt mit rund zwei Dritteln. Das ist ein Sammelbecken für alles, was Zwillinge nicht teilen: unterschiedliche Versorgung im Mutterleib, Zufall in der Entwicklung, mögliche epigenetische Unterschiede, Lebenserfahrungen und Messfehler. Die Epigenetik-These passt in dieses Becken, bewiesen ist sie damit nicht.

Die größte genetische Studie mit 477.522 Menschen fand fünf Genorte, jeder mit winzigem Effekt: Je nach Genvariante lag der Anteil von Männern mit gleichgeschlechtlichem Sex bei 4,0 oder 3,6 %. Alle häufigen Varianten zusammen erklären 8 bis 25 % der Unterschiede (Ganna u. a. 2019). Ein „Schwulen-Gen“ gibt es nicht, und eine Vorhersage für den Einzelnen ist unmöglich.

Hätte reine Genetik aussterben müssen?

Das ist der Ausgangspunkt der These, und er trägt nicht so weit, wie es scheint.

Richtig ist: Menschen mit gleichgeschlechtlichem Verhalten haben deutlich weniger Kinder, und zwar umso weniger, je ausschließlicher sie gleichgeschlechtlich leben (Ganna u. a. 2019). Ein einzelnes Gen mit starker Wirkung stünde unter hohem Selektionsdruck.

Aber so funktioniert die Genetik der Orientierung nicht. Sie verteilt sich auf sehr viele Varianten mit winzigen Effekten, und auf jede einzelne wirkt die Selektion nur schwach. Dazu kommt ein Befund, der das Paradox weitgehend auflöst: Dieselben Genvarianten, die mit gleichgeschlechtlichem Verhalten zusammenhängen, gehen bei ausschließlich heterosexuellen Menschen mit mehr Sexualpartnern einher (Zietsch u. a. 2021). Was den einen Kinder kostet, bringt den anderen Paarungserfolg. Bei Männern mit bisexuellem Verhalten hängen die Varianten sogar mit mehr Kindern zusammen, bei ausschließlich gleichgeschlechtlichem Verhalten mit weniger (Song & Zhang 2024). Ob dieser Ausgleich seit der Pille noch funktioniert, ist offen: Mehr Partner bedeuten seither nicht mehr mehr Kinder (Song & Zhang 2023).

Andere Erklärungen sind schwächer belegt. Weibliche Verwandte schwuler Männer sollen fruchtbarer sein (Camperio-Ciani u. a. 2004), doch das niederländische Register fand keinen solchen Effekt. Schwule Onkel, die Nichten und Neffen unterstützen, gibt es auf Samoa, in westlichen Ländern ist das nicht belegt.

Hinzu kommt ein logisches Problem der These selbst. Auch eine vorgeburtliche Anfälligkeit müsste vererbt werden, denn Homosexualität häuft sich in Familien. Warum wäre eine Reaktion des Fötus auf Stress nicht ebenfalls wegselektiert worden? Die Epigenetik verschiebt das Paradox, sie löst es nicht.

Keine Wahl

Die meisten Homosexuellen erleben ihre Neigung nicht als Entscheidung. In einer Zufallsstichprobe in den USA sagten 88 % der schwulen Männer, sie hätten überhaupt keine Wahl gehabt. Bei lesbischen Frauen waren es 68 %, bei Bisexuellen nur rund 40 %.

Wie viel Wahl hatten Sie?

USA, Antworten homo- und bisexueller Erwachsener auf die Frage, wie viel Wahl sie bei ihrer Orientierung hatten, in Prozent

überhaupt keine Wahlziemlich oder sehr viel Wahl

Werte als Tabelle
überhaupt keine Wahl (%)ziemlich oder sehr viel Wahl (%)
Schwule Männer88,05,2
Lesbische Frauen68,416,4
Bisexuelle Männer38,339,3
Bisexuelle Frauen40,644,3
Zufallsstichprobe, 662 LGB-Erwachsene. Die Intervalle für Bisexuelle sind breit (z. B. 22 bis 58 % bei bisexuellen Männern). Herek u. a. (2010), Sexuality Research and Social Policy

Das spricht gegen eine bewusste Wahl. Es unterscheidet aber nicht zwischen Genen, Mutterleib und früher Kindheit: Auch was in den ersten Lebensjahren geprägt wird, erlebt niemand als gewählt.

Eine unbequeme Beobachtung gehört dazu. Der Anteil, der sich als queer bezeichnet, ist in einer Generation stark gestiegen, vor allem bei jungen Frauen und vor allem als Bisexualität. In den USA nennen sich 31 % der Frauen der Generation Z LGBTQ+.

Ein Wandel in einer Generation

USA 2024, Anteil der Erwachsenen, die sich als LGBTQ+ bezeichnen, in Prozent

LGBTQ+

Werte als Tabelle
LGBTQ+ (%)
alle Erwachsenen9,3
Generation Z22,7
Gen-Z-Frauen31,0
Gen-Z-Männer12,0
Gen Z: Mittel 2023/24. 56 % aller LGBTQ+-Erwachsenen bezeichnen sich als bisexuell. Gene und Schwangerschaften ändern sich nicht in einer Generation. Gallup (2025)

Gene und Schwangerschaften ändern sich nicht in zwanzig Jahren. Dieser Anstieg muss also kulturelle Gründe haben: weniger Stigma, breitere Begriffe, vielleicht auch soziale Prägung. Der Anteil mit ausschließlich gleichgeschlechtlichem Verhalten hat sich dagegen kaum verändert (Twenge u. a. 2016). Das passt zu einem Bild, das viele Befunde nahelegen: Ein biologisch stabiler Kern, vor allem bei Männern, und ein beweglicher Rand bei Identität und Verhalten, vor allem bei Frauen. Frauen wechseln ihre Selbstbeschreibung auch im Lebenslauf deutlich häufiger (Diamond 2008; Kaestle 2019).

Was Gesichter verraten

2018 sorgte eine Studie aus Stanford für Aufsehen: Ein Algorithmus habe die Orientierung aus Gesichtsfotos zu 81 % (Männer) und 71 % (Frauen) richtig erkannt, Menschen nur zu 61 und 54 % (Wang & Kosinski 2018). Die Autoren deuteten das als Hinweis auf vorgeburtliche Hormone.

Wie gut Gesichtsfotos die Orientierung verraten

AUC: Wahrscheinlichkeit, aus einem Paar (eine homo-, eine heterosexuelle Person) die homosexuelle richtig zu bestimmen

Werte als Tabelle
Wert (AUC)95-%-Intervalln
Algorithmus Männer 1 Foto · Wang & Kosinski0,81––
Algorithmus Frauen 1 Foto · Wang & Kosinski0,71––
Algorithmus Männer 5 Fotos · Wang & Kosinski0,91––
Algorithmus Frauen 5 Fotos · Wang & Kosinski0,83––
Menschen Männer · Wang & Kosinski0,61––
Menschen Frauen · Wang & Kosinski0,54––
Replikation · DNN Männer 1 Foto0,68––
Replikation · DNN Frauen 1 Foto0,77––
Replikation · Morphologie Männer 1 Foto0,62––
Replikation · Morphologie Frauen 1 Foto0,72––
Replikation · 5x5-Pixel-Unschärfe Männer 1 Foto0,63––
Replikation · 5x5-Pixel-Unschärfe Frauen 1 Foto0,72––
Fotos von Dating-Seiten, die die Personen selbst ausgewählt haben. Die Replikation erreicht mit 5 × 5 Pixel kleinen, völlig unscharfen Bildern fast dieselben Werte: Ein Teil des Signals steckt in Helligkeit, Farbe und Fotostil, nicht in der Gesichtsform. Wang & Kosinski (2018); Leuner (2019)

Die Zahl bedeutet etwas anderes, als oft berichtet. Sie gibt an, wie oft der Algorithmus aus einem Paar, einem homo- und einem heterosexuellen Menschen, den homosexuellen richtig bestimmt. Für eine ganze Bevölkerung, in der nur wenige homosexuell sind, ist die Trefferquote viel niedriger. Die Fotos stammten zudem von Dating-Seiten, die Menschen selbst ausgewählt hatten. Eine Wiederholung mit neuen Fotos erreichte ähnliche Werte schon mit Bildern, die auf 5 × 5 Pixel verkleinert waren, auf denen also nur noch Helligkeit und Farbe zu sehen sind (Leuner 2019). In Experimenten zeigte sich, dass Fotos schwuler Männer im Schnitt technisch besser sind und dass Menschen die Orientierung nicht mehr erkennen, wenn man die Bildqualität angleicht (Cox u. a. 2016).

Kleine Formunterschiede gibt es wohl trotzdem: In standardisierten Fotos hatten schwule Männer im Schnitt breitere, kürzere Gesichter und kleinere Nasen, ein Mosaik aus weiblichen und männlichen Merkmalen (Valentova u. a. 2014). Doch selbst echte Formunterschiede verraten nicht, ob ihre Ursache in den Genen, im Mutterleib oder im Lebensstil liegt.

Die These im Abgleich

Die These im Abgleich

Teil der TheseUrteilBegründung
Die Ursachen liegen zum Teil vor der Geburtgestütztältere Brüder, Androgene bei Frauen; Zwillingsdaten lassen viel Raum für nicht geteilte Einflüsse
Der Mechanismus ist Epigenetikunbelegtkeine publizierte, replizierte Methylierungsstudie; ein Modell (Rice u. a. 2012) ungetestet
Auslöser sind Stress, Krankheit, Drogen der Mutterschwach bis nicht gestütztStressbefunde kaum repliziert, DES bei Männern ohne Effekt; geteilte Umwelt bei Männern null
Reine Genetik hätte aussterben müssenso nicht zutreffendviele Varianten mit winzigen Effekten; dieselben Varianten bei Heterosexuellen mit Vorteilen verbunden
Homosexuelle erleben ihre Neigung nicht als Wahlzutreffend für Schwule, weniger für Bisexuelle88 % der schwulen Männer, 38–41 % der Bisexuellen: keine Wahl
Gesichter verraten die OrientierungteilweiseAlgorithmen über Raten, aber stark durch Fotostil; kleine Formunterschiede in standardisierten Fotos
Eigene Einordnung nach Studiendesign, Stichprobe und Wiederholung

Testen ließe sich die These durchaus. Dafür bräuchte es Geburtskohorten, die Stress, Infektionen, Medikamente und Rauchen der Mutter während der Schwangerschaft gemessen haben, und die Orientierung der Kinder im Erwachsenenalter. Solche Kohorten gibt es in Großbritannien, Norwegen und den Niederlanden, ausgewertet hat diese Frage noch niemand. Ebenso fehlt eine große epigenomweite Studie an eineiigen Zwillingen, von denen nur einer homosexuell ist, idealerweise mit Nabelschnurblut statt Speichel.

Die Studien stehen mit Prüfstatus im Quellenverzeichnis.

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